mich selbst lieben

Wenn ich möchte, dass unsere Welt schöner wird, fange ich damit an,

einen schönen Menschen mehr hinzuzutun: MICH!

Liebe und Angst

Zwei Ströme fließen durch mein Leben:

Liebe und Angst.

Die Liebe öffnet mich wie die Sonne eine Blüte, die Angst schließt mich wie die Nacht die Blätter. Ich kann nicht in beiden zugleich sein.

Jeder Atemzug führt mich auf den einen oder den anderen Weg.

All meine Gefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse lassen sich auf diese beiden Ursprünge zurückführen. Die Liebe weitet mein Herz, verbindet mich und schenkt mir den Mut, echt zu leben. Die Angst trennt mich, engt mich ein und hält mich im Zweifel gefangen.

Liebe dich wie deinen Nächsten

Jesus stellte die Liebe ins Zentrum seiner Botschaft: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was darin steckt, wird klar, wenn ich den Satz umdrehe:

Liebe dich wie deinen Nächsten.

Wie wäre es, wenn ich mich um mich selbst kümmern würde, so wie ich mich um meinen besten Freund kümmern würde?

Dann wird sichtbar, wie groß der Unterschied oft ist zwischen dem, wie ich mit mir umgehe, und dem, wie liebevoll ich für einen Freund sorgen würde. Vermutlich kann ich den anderen auch nur so lieben, wie ich mich selbst liebe.

Was Selbstliebe ist

Erich Fromm beschreibt in „Die Kunst des Liebens“, dass vieles, was wir Liebe nennen, in Wirklichkeit Abhängigkeit ist. Er unterscheidet eine unreife Liebe, die den anderen liebt, weil sie ihn braucht, von einer reifen Liebe, bei der das Brauchen aus der Liebe kommt. Für Fromm ist Lieben vor allem Geben, getragen von Fürsorge, Verantwortung, Achtung und dem Wunsch, den anderen wirklich zu erkennen. Und es ist eine Kunst, die man üben kann.

Die Grundlage dafür ist die Selbstliebe. Fromm unterscheidet klar zwischen Selbstliebe und Selbstsucht. Der selbstsüchtige Mensch liebt sich eher zu wenig. Wer sich selbst achtet und annimmt, muss sich die Liebe nicht beim anderen holen … und kann freier geben.

Was mich daran hindert mich selbst zu lieben

Damit es mit meiner Selbstliebe besser klappt, hilft es, in mich hineinzuhören: Was hält mich eigentlich davon ab, gut für mich zu sorgen?

Liebe unter Bedingungen. Viele von uns haben früh gelernt: Ich bin liebenswert, wenn ich brav bin, wenn ich etwas leiste, wenn ich niemandem zur Last falle. Diese Bedingungen tragen wir oft ein Leben lang mit uns herum.

Der innere Kritiker. In mir spricht eine Stimme, die streng ist und schnell urteilt. Oft ist es gar nicht meine eigene, sondern eine übernommene Stimme von früher.

Vergleichen. Irgendjemand ist immer klüger, schöner, erfolgreicher. Wer sich ständig misst, findet sich selten gut genug.

Scham und alte Verletzungen. Was mich früher verletzt hat, lässt mich heute schnell vorsichtig werden. Dann zeige ich lieber nicht, was ich wirklich brauche.

Zweifel und Minderwertigkeit. Paulo Coelho erzählt eine Geschichte, die auf eine alte Parabel zurückgeht: Der Teufel verkauft seine Werkzeuge. Da liegen Spiegel, die das eigene Ego größer machen, Brillen, durch die andere kleiner erscheinen, und Dolche für den Rücken anderer. Ganz hinten in der Ecke liegen zwei unscheinbare, abgegriffene Werkzeuge. Sie sind die teuersten von allen. Warum? Weil der Teufel sie am meisten benutzt, und weil sie so unauffällig sind, dass sich niemand vor ihnen schützt. Das eine ist der Zweifel, das andere das Minderwertigkeitsgefühl. Alle anderen Versuchungen versagen manchmal. Diese beiden wirken immer.

Der Zweifel an mir selbst ist leise. Er klingt sogar vernünftig: „Wer bin ich schon, dass …“ Und das Gefühl, nicht genug zu sein, macht mich klein, bevor ich überhaupt angefangen habe.

Dabei gibt es zwei Arten von Zweifel. Der Zweifel an meinen Gedanken ist gesund. Er lässt mich mein Kopfkino hinterfragen und offen bleiben. Der Zweifel an meinem Wert dagegen lähmt. Ihm darf ich freundlich antworten: Ich bin wertvoll, so wie ich bin.

Der Glaube, Selbstliebe sei Egoismus. Gerade in der spirituellen Welt heißt es oft, man solle sich vom Ego lösen, und Egoismus ist durch und durch negativ besetzt. So verlieren viele Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen, auf drei ganz unterschiedliche Weisen:

  • Die Bedürfnislosen. „Ich habe kein Ego mehr, ich brauche nichts.“ Der Psychologe John Welwood nannte das spiritual bypassing: spirituelle Ideen nutzen, um Gefühlen und Bedürfnissen auszuweichen. Das Bedürfnis verschwindet aber nicht. Es geht in den Untergrund und kommt als Kälte, Überlegenheit oder stille Erwartung wieder heraus.
  • Die Aufopfernden. Sie kümmern sich um alle und vergessen, dass sie selbst Bedürfnisse haben dürfen. Wolfgang Schmidbauer nennt das Helfersyndrom: Ich muss gebraucht werden. Fromm erzählt von der aufopfernden Mutter, deren Kinder dabei eher ängstlich und angespannt werden als froh.
  • Die Raffenden. Sie reißen Dinge an sich, zu ihrer scheinbaren Bereicherung. In „Haben oder Sein“ beschreibt Fromm Gier als etwas, das nie satt wird, weil es eine innere Leere mit Dingen füllen will.

Allen dreien ist gemeinsam, dass der Kontakt zum eigenen echten Bedürfnis verloren gegangen ist. Gesund ist der Weg dazwischen: Meine Bedürfnisse zählen, und deine zählen auch.

Und das Ego? In den spirituellen Traditionen ist mit dem Loslassen ursprünglich das Festklammern am eigenen Selbstbild gemeint. Bedürfnisse zu haben gehört zum Menschsein. Der Psychologe Jack Engler hat es so zugespitzt: You have to be somebody before you can be nobody. Erst braucht es ein gesundes Selbst, dann kann man es loslassen.

Wer mag, findet in meiner Übung ich bin bereit einen Weg, diesen Hindernissen bei sich selbst nachzuspüren.

Das Licht in mir

Die amerikanische Autorin Marianne Williamson hat einen oft zitierten Gedanken formuliert: Vielleicht fürchten wir gar nicht so sehr unsere Unzulänglichkeit, sondern unsere eigene Größe. Wir machen uns klein, weil es sicherer scheint. Doch das Kleinmachen dient niemandem. Und wenn ich mein eigenes Licht leuchten lasse, gebe ich anderen ganz von allein die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Selbstliebe heißt für mich deshalb auch, mein Licht endlich unter dem Scheffel hervorzuholen und es scheinen zu lassen, für mich selbst und für andere.

Erinnerungsanker

Welche Wahrheit über die Liebe trage ich in meinem Herzen, die vielleicht schon lange darauf wartet, ausgesprochen zu werden? Die Liebe zu mir selbst, zu meinen Nächsten und, falls vorhanden, zu meinem Partner oder meiner Partnerin?

Und wie kann ich mir im Alltag kleine Erinnerungsanker setzen, damit diese Fragen nicht im Strudel des Alltags verloren gehen? Momente der Achtsamkeit, eine zärtliche Geste, ein liebevolles Wort an mich selbst.

Vielleicht reicht schon ein Satz am Spiegel, ein kurzer Atemzug inmitten der Hektik, oder das stille Innehalten in einem Gespräch.

So wird meine Liebe nicht nur ein Gedanke, sondern ein gelebter Seinszustand. Immer wieder neu, Schritt für Schritt.

Was mir hilft

  • Mit mir so sprechen, wie ich mit einem guten Freund sprechen würde.
  • Mich als Lernenden sehen. Fehler gehören dazu.

Meine Bedürfnisse kennen lernen und ernst nehmen. Darum geht es im nächsten Kapitel.