mein Weg mit mir

Wie ich durch Selbstbegegnung zu echter Verbindung mit mir selbst und anderen finde

Selbstoptimierung?

Viele Ratgeber erwecken den Eindruck, eine Optimierung des Lebens sei ganz einfach – man müsse sich nur an die vorgegebenen Tipps halten. Doch oft passiert dabei etwas anderes: Gefühle und Erfahrungen, die nicht ins Konzept passen, werden verdrängt und ins Unbewusste geschoben. Damit geht die Möglichkeit verloren, bewusst damit umzugehen und das Schlimmste ist, dass man sich nach solchen Tipps meistens schlechter fühlt als zuvor – weil man es nicht schafft (und auch nicht schaffen kann!), „mal eben“ so zu sein, wie dort beschrieben – obwohl es doch angeblich ganz einfach wäre, wenn man doch nur alle Tipps befolgt.mein Weg mit mir

Mein Weg mit mir ist mein Leben, in dem ich mein Bestes gebe, mir selbst und all meinen Anteilen möglichst gut gerecht zu werden.

Je mehr Klarheit und Bewusstheit ich über mich und mein Leben erlange, desto stimmiger kann ich für mich handeln.

Ich gehe diesen Weg zu mehr Klarheit und Bewusstheit, um wacher zu werden für das, was in mir wirklich wahr ist: meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meine Ängste – und mein Tempo. Es geht darum, immer mehr der Mensch zu werden, der ich gern sein möchte.

Wenn ich mich auf meine Innenreise begebe, nehme ich mich so mit, wie ich gerade bin. Ich erlaube mir, ganz da zu sein – mit allem, was mich ausmacht. Und ich übe den Mut, innezuhalten und zu spüren, was in mir lebendig ist – so gut es mir im jeweiligen Moment eben gelingt.

Wir sind alle Menschen auf dem Weg

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir uns im Drama verlieren. Wir fühlen uns unverstanden, angegriffen oder einsam. In solchen Augenblicken scheint der andere der Gegner zu sein. Doch wir sind alle Menschen auf dem Weg, jeder in seinem Tempo, jeder mit seinen Umwegen. Es ist Teil unseres Menschseins in alte Muster zu verfallen, blinde Flecken zu haben und in Konflikte zu geraten.

Fehler

Auch Fehler gehören untrennbar zu diesem Weg. Oft setze ich mich unter Druck, alles „richtig“ machen zu müssen, und schämen mich, wenn mir das nicht gelingt. Ich darf erkennen: Ein Fehler ist kein Beweis für mein Unvermögen, sondern eine wertvolle Information. Er ist ein Wegweiser, der mir zeigt, wo ich noch unbewusst handle oder wo meine alten Schutzmechanismen das Steuer übernommen haben. Fehler sind die notwendigen „Stolpersteine“, die mir helfen, das Aufstehen und das Weitergehen zu lernen. Wenn ich aufhöre, mich für meine Fehler zu verurteilen, gewinne ich die Freiheit, aus ihnen zu lernen. Mein Konflikt und meine Fehltritte sind keine Fehler im System – sie sind Einladungen zu mir selbst.

Warum Fehler passieren

Fehler sind oft Ausdruck normaler menschlicher Prozesse in komplexen, unübersichtlichen Situationen. In solchen Kontexten stehen wir vor vielen gleichzeitigen Anforderungen: zahlreiche Einflussfaktoren wirken zusammen, sie verändern sich dynamisch, sind nicht immer vollständig durchschaubar, die Ziele sind oft mehrdeutig oder widersprüchlich – und manches ist neu oder noch nie dagewesen. In solchen Lage treffe ich Entscheidungen mit begrenzten kognitiven Ressourcen. Mein Gehirn arbeitet ökonomisch: Es bildet vereinfachte Modelle, fokussiert auf das gerade Dringliche, folgt etablierten Routinen und bevorzugt Informationen, die zum eigenen Weltbild passen. Diese Strategien helfen, mit Komplexität umzugehen – sind aber auch anfällig für Fehlurteile.

Typische Denk- und Handlungsfehler sind z. B.:

  • Planungsoptimismus: Man unterschätzt Hindernisse, rechnet mit dem besten Fall.
  • Thematisches Vagabundieren: Man springt von Problem zu Problem ohne Abschluss.
  • Reparaturdienstverhalten: Man reagiert auf akute Missstände, statt systematisch vorzugehen.
  • Dogmatische Verschanzung: Man hält an eigenen Überzeugungen fest, auch wenn sie der Realität nicht mehr entsprechen.
  • Zentralreduktion: Man sucht eine einfache Ursache für alles – oft mit gefährlichen Vereinfachungen.
  • Fehlende Selbstreflexion: Weder Erfolge noch Misserfolge werden kritisch ausgewertet, weshalb Lernen aus Erfahrung ausbleibt.

Diese Fehler sind kein Zeichen persönlicher Schwäche, sondern typische Reaktionen auf überfordernde Anforderungen – ein Zusammenspiel aus begrenztem Denken, Schutz des Selbstwerts und der Komplexität der Welt.

Wie man geschickt mit Fehlern umgeht

Fehler lassen sich nicht vollständig vermeiden – aber der Umgang mit ihnen kann geübt und verbessert werden. Voraussetzung ist ein realistisches Bild davon, wie menschliches Denken funktioniert – mit all seinen Grenzen und Potenzialen.

Wer in komplexen Situationen erfolgreich handeln will, braucht:

  • Zielklarheit: Vage Wünsche wie „es soll besser werden“ müssen konkretisiert werden.
  • Modellbildung: Um wirksam zu handeln, braucht es ein inneres Bild davon, wie das System funktioniert.
  • Hypothesenbewusstsein: Annahmen über Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge müssen überprüfbar und anpassbar bleiben.
  • Selbstreflexion: Nicht nur nach Misserfolg, sondern auch nach Erfolg muss das eigene Vorgehen hinterfragt werden.
  • Fehlerfreundlichkeit: Es braucht Mut, Fehler anzuerkennen, aus ihnen zu lernen und neue Wege zu erproben.

Besonders hilfreich sind Erfahrungsräume, in denen Menschen sich ausprobieren und gleichzeitig begleitet reflektieren können – z. B. durch Planspiele, Simulationen oder echte Projekte mit Feedback. Nicht das theoretische Wissen allein macht kompetent, sondern das Erleben, das Nachdenken und das Verstehen der eigenen inneren Muster beim Entscheiden und Handeln.

Vom Irrtum zum Erkenntnisweg – eine andere Sicht auf „Fehler“

Was wir in unserer Alltagssprache als „Fehler“ bezeichnen, sind in Wahrheit oft ganz natürliche Begleiterscheinungen des Lebens: Reaktionen auf Überforderung, Ausdruck innerer Konflikte oder fehlender Klarheit – manchmal auch notwendige Umwege auf unserem Entwicklungsweg.

Aus einer höheren Perspektive betrachtet gibt es keine Fehler im engeren Sinne. Es gibt nur Erfahrungen. Und jede Erfahrung trägt die Möglichkeit in sich, daraus zu lernen.

Wir können uns entscheiden, diese Lernchancen anzunehmen – oder sie zu ignorieren. Beides hat Konsequenzen. Aber nichts davon ist „falsch“. Es ist einfach der Weg, den wir gehen – bis wir bereit sind, genauer hinzuschauen.

Manchmal braucht es Wiederholung. Manchmal tut es weh.
Und manchmal erkennen wir plötzlich das Geschenk, das sich hinter einem sogenannten „Fehltritt“ verbarg: mehr Tiefe, mehr Verständnis, mehr Bewusstheit.

Ich bemühe mich Fehler als als Impulse zum Wachsen, als Wegweiser.
und als Teil meines ganz menschlichen Lernens zu sehen.

Es gibt keine Fehler –
nur Ereignisse mit Lernpotenzial.

Schuld

Wenn wir verstehen, dass Fehler ein natürlicher Teil des Lernens sind, stellt sich bald die nächste Frage:
Was ist mit Schuld?

Schuld ist ein schweres Wort.
Oft wird es benutzt, um zu kontrollieren, kleinzumachen, Menschen gefügig zu halten.
„Du bist schuld“ – dieser Satz trennt.
Er erzeugt Scham, Ohnmacht, Abwehr – und meist kein tieferes Verstehen.

Und doch gibt es auch die andere Seite:
bewusste Entscheidungen, die Leid verursachen – in vollem Wissen oder aus bewusster Gleichgültigkeit.
Dann ist Verantwortung gefragt. Nicht als Strafe, sondern als Reife.

Zwischen Verantwortung und Mitgefühl

Viele, die bewusst oder unbewusst Leid zufügen, sind innerlich zutiefst verarmt. Sie sehnen sich nach Anerkennung, Macht oder Bedeutung – oft aus einem Mangel an Selbstliebe, der nie gesehen, nie geheilt wurde. Das erklärt dies Verhalten – es entschuldigt es nicht. Wer andere verletzt – sei es mit Worten, Gewalt oder durch das stumpfe Unterstützen zerstörerischer Systeme – trägt Verantwortung.
Auch dann, wenn die Gründe nachvollziehbar sind. Auch dann, wenn man es „nicht besser wusste“. Denn wir alle hinterlassen Spuren – ob wir wollen oder nicht.

Schuld als Einladung

Aus ganzheitlicher Sicht kann Schuld – wie Fehler – eine Einladung sein. Nicht zur Selbstverurteilung, sondern zur ehrlichen Hinwendung:
Was habe ich getan?
Wem habe ich geschadet?
Was kann ich lernen – und wieder gut machen?

Nicht jeder ist bereit, diesen Weg zu gehen.
Aber jeder hat die Wahl.

Verantwortung beginnt da, wo wir nicht mehr fliehen –
vor uns selbst, vor dem Schmerz, den wir verursacht haben,
und vor der Möglichkeit, es künftig anders zu machen

Vergebung

Ich bin gut zu mir

Ich darf erkennen: Meine Konflikte sind kein Fehler, sondern ein Wegweiser zu mir selbst. Ich entscheide mich heute, gut zu mir zu sein. Ich erkenne an, dass ich Angst vor der Klärung habe – und dass diese Angst okay ist. Ich nutze meine Innenschau, um aus dem Nebel des Vorwurfs in das Licht der Klarheit zu treten.

Bevor ich den ersten Schritt auf dem Pfad gehe, halte ich inne. Ich erinnere mich daran, dass ich wertvoll bin, egal wie schwierig die Situation gerade ist. Ich nehme meine Gefühle nicht als Feinde wahr, sondern als Gäste, die mir etwas über meine Bedürfnisse erzählen wollen.

Ich schaffe mir einen inneren Raum,

in dem ich sicher bin.

Und vor allem

bin ich gut zu mir.
Ich tue, was ich kann –
wann ich es kann,
und wie es mir möglich ist
von ganzem Herzen.
Und wenn das gerade nicht geht,
dann geht es eben nicht.
Ich gebe mir Zeit.
Ich ruhe mich aus.
Und bin vor allem ganz lieb zu mir selbst –
bis meine Seele wieder Kraft getankt hat.

Den Moment annehmen

Erst die tiefe Anerkennung des Moments, so wie er jetzt ist, in dem ich nichts erklären oder lösen muss, gibt mir die Möglichkeit zu schauen, was da gerade bei mir los ist.

Die Bereitschaft zum Hinsehen

Zunächst braucht es meinen Mut und meine Bereitschaft hinzuschauen, was gerade bei mir los ist. Dann folgt das liebevolle Annehmen dessen, was gerade da ist. Dabei kann es sein, dass ich mir bewusst werde, dass ich gar nicht genau weiß, was gerade bei mir los ist.

Confusion is that wonderful state of mind right before clarity.


Mandy Evans

Willkommen heißen, was ist

Den Moment anzunehmen bedeutet, willkommen zu heißen, was gesehen werden will: Freude, Unruhe, Zweifel, Traurigkeit, Verzweiflung – auch Gefühle, die ich sonst lieber vermeide. Soweit es mir möglich ist, lasse ich alles ungefiltert da sein und nehme es innerlich an. Je ehrlicher ich mir selbst begegne – auch mit den unbequemen Aspekten meines Lebens – desto hilfreicher wird diese Innenschau für die weitere Gestaltung meines Weges.

Meine Atempause

Ich atme ein, spüre meine Wahrheit.
Ich atme aus, und erlaube mir ehrlich mit mir zu sein.

Und wenn ich innehalte, erkenne ich: Das, was jetzt gerade da ist, möchte gesehen werden. Jede Emotion, jedes Gefühl darf erst einmal da sein – auch jene, die uns schwer vorkommen.

Vom Opfer zum Gestalter

Wenn ich belastende Emotionen lediglich ungefiltert auslebe, verstärke ich oft meine alten neuronalen Bahnen in meinem Gehirn. Doch wenn ich den Fokus darauf richte, welche tiefen Bedürfnisse gerade nach Erfüllung suchen, gewinne ich meine Handlungsfähigkeit zurück. So werden ich vom Opfer alter Muster zum aktiven Gestalter meiner eigenen Selbstfürsorge.

meinen Brüchen eine Bedeutung geben

Aus dem Annehmen meiner „Brüche“ kann etwas Neues, Wertvolles entstehen: eine Verbindung, die in ihrer Ehrlichkeit, Tiefe und Verletzlichkeit schöner und wahrhaftiger ist als zuvor – so wie in der japanischen Kintsugi-Kunst.

Wenn ein Bruch in einer Beziehung entstanden ist, können wir ihn durch ehrliches Bedauern und Mitgefühl heilen. Dann kann eine Verbindung durch einen geklärten Konflikt wachsen, und schöner und stabiler werden als zuvor.

„Narben“ unserer Geschichte erzählen dann von unserer gemeinsamen Fähigkeit zu wachsen.

Gib jede Hoffung auf Belohnung auf

Dies ist aus einem Buch herausgeschrieben, weiß aber leider nicht mehr welches es war.

Eine der wirkungsvollsten Lehren der buddhistischen Tradition ist die, dass sich solange nichts ändert, wie man sich wünscht das es sich ändert. Solange man sich wünscht, ein besserer Mensch zu werden, wird man es nicht. Solange man sich auf die Zukunft hin orientiert, kann man sich nicht entspannen und auf das einlassen, was man schon hat oder ist.

Eine der am tiefsten sitzenden Verhaltensweisen ist die zu glauben, dass die Gegenwart nicht gut genug ist. Wir denken viel über die Vergangenheit nach, die vielleicht besser war als das Heute oder auch schlechter. Wir denken auch ein wenig an die Zukunft – vor der wir uns vielleicht fürchten – immer in der Hoffnung, dass sie ein bisschen besser sein wird als die Gegenwart. Auch wenn es uns zur Zeit wirklich gut geht – wir sind gesundheitlich in Ordnung, haben den Mann oder die Frau unserer Träume kennen gelernt, haben ein Kind bekommen oder den Traumjob gefunden -, haben wir die Tendenz, ständig darüber nachzudenken, was werden wird. Du schenkst dem Menschen, der du gerade bist, nicht dein volles Vertrauen.

Es ist zum Beispiel leicht, zu hoffen, dass durch Meditation alles besser wird, dass wir keine schlechte Laune oder keine Angst mehr haben werden oder das die Leute uns besser leiden können als jetzt. Und wenn wir damit kein Problem haben, beschleicht uns vielleicht das Gefühl, dass wir nicht spirituell genug sind. Wir wollen unbedingt in die wache, brilliante und heilige Welt eintreten, die wir durch Meditation zu finden hoffen. Alles, was wir lesen, scheint irgendwie davon zu handeln, dass wir in einer sehr engen Perspektive gefangen sind und das wir, wenn wir uns nur richtig verhalten, Zugang zu einer größeren Welt bekommen, einer geräumigeren Welt, die anders ist als die, in der wir jetzt leben.

Einer der Gründe, warum ich darüber reden möchte, alle Hoffnung auf Belohnung aufzugeben, ist der, dass ich jetzt schon seit einiger Zeit meditiere und Dharmaunterweisungen gebe, aber merke, dass ich noch immer noch eine geheime Leidenschaft dafür habe, zu erfahren, wie es wohl sein wird, wenn – wie es in einigen der klassischen Texte heißt – „alle Schleier entfernt worden sind“. Es ist das selbe Gefühl, als wollte man über sich selbst hinausgehen und sich in einen Zustand wiederfinden, der wacher ist als das jetzt Gegenwärtige, wachsamer als der gegenwärtige Zustand. Manchmal passiert uns das auf einer sehr weltlichen Ebene: Wir möchten abnehmen, weniger Akne oder mehr Haare haben. Aber es bleibt so gut wie immer ein mehr oder weniger feines Gefühl, dass die Rechnung nicht ganz aufgegangen ist.

In einer der ersten Unterweisungen, die ich hörte, sagte der Lehrer: „Ich weiß nicht, warum ihr gekommen seid, aber ich sage euch gleich, dass die ganze Lehre darauf beruht, dass die Rechnung niemals aufgeht“. Ich fühlte mich ein wenig so, als hätte man mir gerade ins Gesicht geschlagen oder mir kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Aber ich denke immer wieder darüber nach. Er sagte: „die Rechnung geht nie ganz auf.“ Es gibt keine verheißungsvolle Zukunft, in der sich alles lückenlos zusammenfügt. Obwohl es mich schockierte, stellte es sich als wahr heraus. Eines der Dinge, die uns auf Dauer unglücklich sein lassen, die ununterbrochene Suche nach dem Glück oder nach Sicherheit, die Suche nach einer etwas angenehmeren Situation, entweder für den Hausgebrauch oder auf der spirituellen Ebene oder auf der Ebene geistigen Friedens.

Heutzutage gehen die Leute an die unterschiedlichsten Orte, um das zu finden wonach sie suchen. Es gibt unzählige Selbsthilfegruppen und Therapien. Viele Menschen fühlen sich verletzt, suchen nach etwas, das sie heilt. Mir scheint, dass die Wurzel der Heilung, die Wurzel des Gefühls, ein wirklich reifer Mensch zu werden, dort zu finden ist, wo man nicht mehr versucht, irgend etwas loszuwerden, sondern das was man hat, zu würdigen weiß. Das ist ein harte Brot, wenn das, was man hat, Schmerz ist.

In Boston gibt es eine Streßklinik, die nach buddhistischen Prinzipien geleitet wird. Sie wurde von Dr. Jon Kabat-Zinn gegründet, der praktizierender Buddhist ist und das Buch Full Catastophe Living (dt: Gesund und stressfrei durch Meditation) geschrieben hat. Der wichtigste Grundsatz für die Patienten in dieser Klinik ist, das sie jede Hoffnung auf Belohnung aufgeben müssen. Andernfalls ist die Therapie erfolglos. Wenn man das Bedürfnis hat, sich zu ändern, dann beruht das auf dem Gefühl, minderwertig zu sein. Es beruht auf Aggressionen gegen sich selbst und auf einer Abneigung dem eigenen momentanen Geisteszustand, der eigenen Art zu sprechen oder dem eigenen Körper gegenüber. Irgend etwas hält man für unzulänglich. Die Patienten kommen vor allem mit Suchtproblemen  wegen Medikamentenmissbrauchs oder starkem Arbeitsstress in die Klinik. Und diese simple Anweisung, nämlich die Hoffnung aufzugeben, ist die wichtigste Zutat, um Gesundheit und Heilung zu erreichen.

Das ist das Entscheidende. Solange man dünner, schlauer, erleuchteter, nicht so steif oder was auch immer sein möchte, geht man an das Problem mit der selben Logik heran, die es überhaupt erst hat entstehen lassen: Du bist nicht gut genug. Deshalb löst sich das Verhaltensmuster niemals auf, solange man etwas verbessern will.

Im Buddhismus gibt es eine lebensbejahende Lehre, die besagt, dass Buddha (das bedeutet „der Erwachte“) niemand ist, den man anbetet. Buddha ist niemand , dem man nacheifert. Buddha ist niemand der, der vor zweitausend Jahren geboren wurde und schlauer war, als wir selbst es je sein werden. Buddha ist die in uns wohnende Natur – unsere Buddhanatur -, und das bedeutet, dass wir völlig erwachsen werden, indem wir in Kontakt mit dem Wissen kommen, dass schon immer in uns war. Es ist kein Wissen, dass uns von außen aufgepropft wird. Wenn wir reifer werden, sind wir nicht länger Gefangene des in der Kindheit entstandenen Gefühls, das wir uns ständig schützen oder abschirmen müssen, weil das Leben brutal ist. Wenn wir dabei sind, erwachsen zu werden – und das würde ich so definieren, dass wir uns in unserer Welt vollkommen zu Hause fühlen, egal wie schwierig die Situation auch sein mag -, dann geschieht das, weil wir zulassen, das etwas, das bereits in uns ist, Nahrung erhält. Wir lassen zu, dass es wächst und sich zeigt, anstatt es andauernd abzuschirmen, zu verbergen und wie in einem Grab einzuschließen.

Jemand hat mal zu mir gesagt: „Wenn man Angst hat, dann ist das furchtsamer Buddha.“ Das passt zu allem, was wir empfinden, zum Beispiel zu Wutanfällen. Wir geraten außer Kontrolle, sehen rot und merken plötzlich, dass wir herumschreien, mit Dingen durch die Gegend werfen oder jemanden schlagen. Das ist der Moment, in dem wir die Tatsache akzeptieren sollten, dass das „wütender Buddha“ ist. Wenn wir eifersüchtig sind, dann ist das eifersüchtiger Buddha. Wenn wir Verdauungsbeschwerden haben ist das „Buddha mit Sodbrennen“. Wenn wir glücklich sind, „glücklicher Buddha“, wenn wir gelangweilt sind „gelangweilter Buddha“. Mit anderen Worten: alles was wir wahrnehmen oder denken ist es wert, dass wir Mitgefühl dafür empfinden, und alles, was wir denken und fühlen, verdient unsere Wertschätzung.

Diese Lehre hatte ein starke Wirkung auf mich. Ich machte die unterschiedlichsten geistigen Zustände und Stimmungen durch, es ging rauf und runter, nach links und nach rechts, ich viel auf die Nase und stand wieder auf. Aber in diesen ganz verschiedenen Lebenslagen erinnerte ich mich an „Buddha fällt auf die Nase, Buddha fühlt sich ganz oben auf, Buddha sehnt sich in die Vergangenheit zurück.“ Ich fing an zu begreifen, dass ich Buddha nicht entrinnen konnte, wie sehr ich es auch versuchte. Ich konnte durch Dick und Dünn zu mir halten. Wenn jemand sich selbst bedingungslos annehmen kann, kann er bedingungslos Buddha annehmen.

Aus diesem Grund sagt die Losung: „Gib jede Hoffnung auf Belohnung auf.“ Belohnung bedeutet, dass man sich in der Zukunft irgendwann gut fühlen wird. Es gibt ein anderes Wort, das Wort offen, das bedeutet, dass man ein offenes Herz und einen offenen Geist hat. Das bezieht sich stark auf die Gegenwart. Wenn man sich selbst bedingungslos annimmt, heißt das, jetzt und hier Buddha anzunehmen und zu sich selbst zu finden.

Weil Gampo Abbey ein Kloster ist, kann man dort nichts Spaßiges machen, außer wenn es einem Spaß macht, ununterbrochen zu meditieren oder in der Natur herzumzustreifen, aber das wird nach einer Weile alles ziemlich langweilig. Es gibt dort keinen Sex, man kann sich nicht betrinken, und man kann auch nicht lügen. Manchmal sehen wir uns einen Videofilm an, aber das ist selten, und normalerweise wird nachher darüber diskutiert. Das Essen ist manchmal gut und manchmal grauenhaft. Es ist ein ziemlich unbequemer Ort. Der Grund, warum es dort so unbequem ist, ist der, dass man dort nicht vor sich selbst weglaufen kann. Und dennoch: Je mehr die Leute sich mit sich selbst anfreunden, desto mehr halten sie es für einen zuträglichen Ort, an dem man die Buddhaschaft in sich selbst entdecken kann, so wie man gerade jetzt an diesem Tag ist. Kannst du dich genau heute bedingungslos annehmen? Genau mit deiner Größe deinem Gewicht, deinem Intelligenzquotient und dem Maß an Leid das du mit dir herumschleppst? Kannst du das bedingungslos annehmen?