Wenn ich angekommen bin, mich selbst lieben lerne, hinschaue und annehme, was ist, dann entsteht Raum für die Frage: Wie will ich mein Leben gestalten?
Der Boden: das Kohärenzgefühl
Eine zentrale Voraussetzung für ein bewusstes und erfülltes Leben sehe ich in dem, was der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky das Kohärenzgefühl nennt. Es ist die Grundlage seiner Salutogenese, der Lehre davon, was uns gesund hält:
- Verstehbarkeit: Ich kann die Zusammenhänge meines Lebens erkennen und einordnen.
- Handhabbarkeit: Ich bin überzeugt, mein Leben aktiv gestalten zu können.
- Sinnhaftigkeit: Ich glaube tief, dass das Leben sinnvoll und lebenswert ist.
Diese drei bilden den Boden, auf dem Vertrauen, Resilienz und echte Lebensfreude wachsen können.
Was will ich wirklich?
Und was hält mich (derzeit) noch davon ab, es zu tun? Diese Fragen helfen mir, ehrlich hinzuschauen. Ich muss sie nicht alle auf einmal beantworten. Oft reicht eine einzige, die mich gerade anspricht.
Wo stehe ich?
- Wie fühle ich mich gerade im Moment?
- Wie fühle ich mich insgesamt in meiner aktuellen Lebenssituation?
Was kostet mich Kraft?
- Wodurch verliere ich meine Energie?
- Was glaube ich, in meinem Alltag alles tun zu müssen, obwohl ich es nicht mag?
- Wo fällt es mir (noch) schwer, Zustände zu akzeptieren, die mich belasten?
- Welche Bewertungen anderer Menschen belasten mich? Und welche meiner Bewertungen über andere?
Was macht mir Angst?
- Welche Angst habe ich, zu versagen oder nicht gut genug zu sein?
- Wo habe ich Angst, nicht geliebt zu werden? Bei wem ist diese Angst am größten?
- Wie glaube ich sein zu müssen, damit ich geliebt werde?
Was ist noch offen?
- Wo fällt es mir noch schwer zu vergeben, und warum?
- In welchen Momenten mag ich mich selbst nicht und kann mich (bis jetzt) nicht so annehmen, wie ich bin?
Wer möchte ich sein?
- Wer ist mir ein Vorbild dafür, wie ich gern sein möchte?
- Welche Eigenschaften haben die Menschen, die mich beeindrucken?
Was nährt mich?
- In welchen Momenten bin ich mit mir, so wie ich gerade bin, glücklich und erfüllt?
- Womit gebe ich mir selbst immer wieder neue, gute Energie?
- Was gibt mir Energie von außen?
- Durch welche Momente und Begegnungen fühle ich mich erfüllt und genährt?
Werte
Jeder Mensch trägt Werte in sich, nach denen er sein Leben gestaltet. Wenn ich meine eigenen Werte kenne, kann ich klarere und kraftvollere Entscheidungen treffen.
Und doch fällt es oft so schwer, die eigenen Werte wirklich zu leben. Warum ziehen wir den belastenden inneren Widerspruch so häufig einer einfachen Verhaltensänderung vor? Es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen, wo ich gegen meine Werte handle … und welches Bedürfnis mich dabei vielleicht gerade antreibt. Genau dort wird heilsame Veränderung möglich.
Bewertungen
Ich bewerte ständig, bewusst oder unbewusst, alles, was ich erlebe, sehe oder fühle. Bewertungen helfen mir, im Einklang mit meinen Werten und Bedürfnissen zu entscheiden. Entscheidend ist nicht, ob ich bewerte, sondern wie:
- Tue ich es achtsam und bewusst, oder automatisch und unreflektiert?
- Sind meine Bewertungen hilfreich oder belastend, für mich und für andere?
- Kann ich sie überprüfen, verändern und damit freier werden?
Je bewusster ich mit meinen Bewertungen umgehe, desto leichter wird mein Leben, innerlich wie äußerlich.
Tun und Nichttun
Mein Sein besteht aus meinem Tun und meinem Nichttun. Beides gestaltet mein Leben. Nichttun kann wohltuender Müßiggang sein, eine gelungene Abgrenzung von Dingen, die mir nicht gut tun … oder ein Ausbleiben von notwendigem Einschreiten. Denn auch Schweigen und Wegschauen haben Folgen.
Dort, wo mein Handeln gebraucht wird, möchte ich erkennen, wie ich meine Fähigkeiten mit Leichtigkeit und Freude einsetzen kann. Mein Einsatz für die Welt darf nicht dazu führen, dass ich mich selbst verliere. Viel wirkungsvoller ist es, ein glückliches Leben vorzuleben und dort aktiv zu werden, wo sich mein Herz öffnet.
Ich darf glücklich sein – und zugleich etwas bewirken.
Entscheidungen
Love it, change it, or leave it.
All mein Handeln und Nichthandeln ist das Ergebnis bewusster oder unbewusster Entscheidungen. Eine Entscheidung ist die freie Wahl zwischen mindestens zwei Möglichkeiten, und sei es nur die, die Dinge anders zu sehen als bisher oder einfach nichts zu tun.
Wo ich mich nicht bewusst entscheide, entscheiden mein Unbewusstes oder andere Menschen über mich. Dann entscheide ich mich, es geschehen zu lassen.
Eine Entscheidung ist immer auch eine Scheidung: eine Trennung von dem, was war, und eine Verbindung mit dem, wofür ich mich entscheide. Und weil niemand die Zukunft kennt, trägt jede Entscheidung das Risiko, dass es anders kommt als gedacht.
Bauch und Kopf. Mein Bauchgefühl greift auf Erfahrungen zurück. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nennt das somatische Marker: Von klein auf speichern wir Erlebnisse zusammen mit einem Körpergefühl, angenehm oder unangenehm. Das ist schnell und oft hilfreich. Aber es kennt nur, was ich schon erlebt habe. Neue Möglichkeiten und Folgen, die ich noch nie erlebt habe, sieht es nicht. Und manchmal verknüpft es Dinge, die gar nichts miteinander zu tun haben.
Nicht nur gut fühlen wollen. Wenn ich mich immer nur gut fühlen will, verdränge ich leicht den Schmerz, der auch zum Leben gehört. Doch was ich verdränge, verschwindet nicht. Es sucht sich unbemerkt einen anderen Weg, außerhalb meiner bewussten Entscheidung. Gute Entscheidungen brauchen deshalb auch den Mut, das Unangenehme anzuschauen.
Genauso wenig hilft der Verstand allein. Am besten scheint die Verbindung von beidem: Gefühle als Hinweis auf meine Bedürfnisse und der Verstand als Hilfsmittel. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, schrieb Immanuel Kant.
Bei wichtigen Entscheidungen hilft:
- Die gefühlte Situation beschreiben und meine wahren Bedürfnisse erkennen, und die der anderen Betroffenen (siehe Kapitel 3).
- Die Fakten so ehrlich wie möglich sammeln.
- Möglichst viele Handlungsmöglichkeiten finden, auch ungewohnte.
- Die möglichen Folgen jeder Möglichkeit abschätzen. Risiko heißt dabei: Wie wahrscheinlich ist ein Nachteil, und wie schwer wöge er?
- Abwägen und entscheiden.
Wie viel Zeit ich mir dafür nehme, hängt davon ab, wie wichtig die Entscheidung ist. Auch bei schnellen Entscheidungen hilft ein kurzer Moment des Innehaltens.
Worauf ich achten möchte:
- Ich suche gern nach Informationen, die bestätigen, was ich ohnehin denke.
- Ich wähle gern, was sich früher bewährt hat, und übersehe, was gerade nicht präsent ist.
- Wenn ich Angst habe, neige ich dazu, die Wirklichkeit umzudeuten.
- Meine Erwartungen sind Wunschvorstellungen für die Zukunft, nicht mehr und nicht weniger. Zu hohe Erwartungen enttäuschen, zu niedrige aus Angst vor Enttäuschung engen mich ein.
Und auch das darf ich mir erlauben: positive Prognosen zu wagen, für die es in meiner Vergangenheit noch kein Beispiel gibt.
Probleme systematisch lösen
Erst wenn ich ein Problem erkenne, wird Veränderung möglich. Wenn die Lösung nicht offensichtlich ist, hilft ein Vorgehen in Schritten:
- Problem wählen: Welches Problem will ich jetzt angehen?
- Problem beschreiben: Wie hat es sich entwickelt? Wer ist beteiligt? Welche Gefühle und Bedürfnisse stecken dahinter?
- Ziel klären: Was will ich erreichen, und wie will ich mich dann fühlen? Woran merke ich, dass es gelungen ist?
- Lösungen sammeln: Möglichst viele, auch unsinnig erscheinende, zunächst ohne Bewertung.
- Auswählen: Ungeeignetes aussortieren, die übrigen nach Qualität und Machbarkeit ordnen. Die beste Lösung muss sich auch gut anfühlen.
- Plan machen: Reihenfolge, Zeit, Ort, wer hilft mit?
- Umsetzen und prüfen: Hat es funktioniert? Wenn nicht, neu hinschauen oder andere um Hilfe bitten.
- Feiern: Zwischenziele und Ergebnisse würdigen … und sich erholen.
Wenn aus einem Vorhaben ein größeres gemeinsames Projekt wird, findest du Hinweise auf meiner Seite Projektmanagement.