mit anderen

Man kann nicht nicht kommunizieren. Paul Watzlawick

Über Kommunikation denken wir meist erst nach, wenn etwas schief läuft. Konflikte sind ein unvermeidbarer Teil unseres Lebens. Wenn wir sie bewusst annehmen und klären, werden sie zu einem wertvollen Schritt, an dem wir wachsen … und an dem unser Vertrauen wächst.

Die Wurzel liegt dabei fast immer tiefer als in den Worten: in der Selbstliebe, in unseren Bedürfnissen und in dem, was wir in uns noch nicht sehen. Darum ging es in den Kapiteln davor. Hier geht es um das, was zwischen uns passiert.

Warum es manchmal schief läuft

Konflikte entstehen immer dann, wenn bei mindestens einem Menschen ein bedeutsames Bedürfnis nicht erfüllt wurde. Im Kern geht es fast immer darum, sich nicht gesehen oder nicht geliebt zu fühlen. Dann übernimmt der Autopilot, und ich falle in alte Muster: Vorwurf, Rückzug oder Verteidigung.

Jeder Satz hat vier Seiten. Watzlawick hat erkannt, dass jede Nachricht einen Inhalt und eine Beziehungsseite hat. Friedemann Schulz von Thun hat das weitergedacht: Jede Äußerung enthält vier Botschaften zugleich, und der andere hört mit vier Ohren.

SeiteWas ich sendeWas der andere hört
Sacheworüber ich informiereStimmt das? Ist es wichtig?
Selbstkundgabewas ich von mir zeigeWas ist mit ihm los?
Beziehungwie ich zu dir steheWie sieht er mich?
Appellwas ich erreichen willWas soll ich jetzt tun?

Er sitzt als Beifahrer im Auto und sagt: „Da vorne ist grün.“ Sachlich heißt das, die Ampel ist grün. Er zeigt auch, dass er es eilig hat. Auf der Beziehungsseite schwingt mit, dass sie seine Hilfe braucht. Der Appell lautet: Fahr los. Sie antwortet: „Fährst du oder fahre ich?“ Sie hat mit dem Beziehungsohr gehört. Die Nachricht entsteht beim Empfänger.

Die fünf Grundregeln nach Paul Watzlawick:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch Schweigen sagt etwas.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. „Schöne Kette. Ist die echt?“ kann ein Kompliment sein oder eine Kränkung … je nach Ton. Wird ein Beziehungskonflikt auf der Sachebene ausgetragen, streitet man endlos über Argumente.
  3. Jeder setzt seinen eigenen Anfangspunkt. Sie nörgelt, weil er sich zurückzieht. Er zieht sich zurück, weil sie nörgelt. Die Frage „Wer hat angefangen?“ führt deshalb selten weiter.
  4. Wir kommunizieren mit Worten und mit dem Körper. Passen Worte und Körper nicht zusammen, glauben wir meist dem Körper.
  5. Beziehungen sind symmetrisch oder komplementär. Auf Augenhöhe oder mit Rollen, die sich ergänzen, etwa Eltern und Kind. Beides ist gesund. Schwierig wird es, wenn Symmetrie zum Wettkampf wird oder einer immer oben bleibt.

Versteckte Vorwürfe. Manche Wörter klingen wie Gefühle, enthalten aber ein Urteil über den anderen. „Ich fühle mich übergangen“ heißt eigentlich: Du hast mich übergangen. Der andere hört einen Vorwurf und geht in die Verteidigung. Eine Übersicht steht in der Anlage Gefühle und Bedürfnisse.

Wie wir besser reden lernen dürfen

Die einfühlsame („gewaltfreie“) Kommunikation nach Marshall Rosenberg macht die vier Seiten einer Nachricht klar und offen: eine Beobachtung ohne Bewertung, Gefühl und Bedürfnis ausgesprochen, eine Bitte, die auch ein Nein erlaubt, und Wertschätzung statt Urteil.

Was ich dabei im Herzen trage:

  • Jede Handlung ist ein Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen. Menschen handeln für ihre Bedürfnisse und nicht gegen andere.
  • Menschen tun, was ihnen gerade möglich ist.
  • Der andere ist Auslöser meiner Gefühle, nie ihre Ursache. Indem ich die Verantwortung für meine Reaktion übernehme, verlasse ich die Opferrolle.
  • Urteile über andere sind Ausdruck eigener unerfüllter Bedürfnisse.
  • Wenn ich meine Bedürfnisse ausspreche, steigt die Chance, dass sie erfüllt werden.

Der Pfad der Klärung

Aus Rosenbergs vier Schritten habe ich einen Weg mit sechs Stationen entwickelt. Er ergänzt das, was im Konflikt am meisten fehlt: die Geschichte in meinem Kopf, die Angst darunter und die Bitte an mich selbst. Im Alltag kann ich ihn innerlich in wenigen Minuten gehen. In schweren Momenten gehe ich ihn mit einem Begleiter, Station für Station auf Zetteln am Boden.

Station 1: Beobachtung. Ich komme an und nehme einen tiefen Atemzug. Dann schaue ich auf das, was passiert ist, wie eine sachliche Kamera. „Was ich beobachtet habe, ist …“

Station 2: Innenwelt. Was passiert in meinem Körper? Welches Gefühl nehme ich wahr? „Ich spüre in mir … und es fühlt sich an wie …“

Station 3: Bedürfnis. Was ist mir wirklich wichtig? Die Suchhilfen aus dem Kapitel „Hinschauen“ und die Liste im Anhang helfen dabei. „Mir ist wichtig … / Ich brauche gerade …“

Station 4: Meine Geschichte. Welche Geschichte erzähle ich mir darüber, warum der andere so gehandelt hat? Ich lasse sie zu und erkenne sie als meine eigene an. „Die Geschichte in meinem Kopf ist … / Ich vermute, dass …“

Station 5: Angst. Was befürchte ich im schlimmsten Fall? Wovor habe ich in Bezug auf unsere Verbindung wirklich Angst? Oft wird erst hier das tiefste Bedürfnis sichtbar, und es lohnt ein kurzer Blick zurück zu Station 3. „Meine Sorge ist … / Ich habe Angst, dass …“

Station 6: Bitte an mich und an dich. Zuerst an mich: Wie sorge ich jetzt gut für mich? Dann an den anderen: Was brauche ich von dir? Eine Bitte ist konkret, machbar und darf ein Nein bekommen. „Meine Bitte an mich selbst ist … / Meine Bitte an dich ist …“

Ein Beispiel: Jemand kommt zu einer Verabredung 20 Minuten zu spät.

  1. Du bist 20 Minuten später gekommen als vereinbart.
  2. Ich spüre Enge im Bauch, ich bin ungeduldig und gereizt.
  3. Mir ist Verlässlichkeit wichtig.
  4. Ich vermute, dass ich dir nicht so wichtig bin.
  5. Ich habe Angst, dass ich für dich nur eine von vielen bin.
  6. Ich nehme mir beim nächsten Mal etwas zu lesen mit. Und magst du mir Bescheid geben, wenn es später wird?

Was davon ich ausspreche, entscheide ich. Station 4 und 5 sind vor allem für mich … und manchmal, in einer vertrauten Beziehung, das Ehrlichste, was ich sagen kann.

Zuhören mit Giraffenohren

Dieselben Schritte helfen beim Zuhören. Hinter jeder Nachricht, auch hinter einem Vorwurf, lässt sich ein Gefühl und ein Bedürfnis hören: „Als du gesehen hast, dass … warst du da enttäuscht, weil dir … wichtig ist?“

Einfacher geht es mit dem aktiven Zuhören nach Carl Rogers: mit eigenen Worten wiedergeben, was ich verstanden habe, bevor ich selbst antworte. „Du meinst …?“

Stimmig sprechen

Schulz von Thun nennt das Ziel stimmige Kommunikation: in Übereinstimmung mit mir selbst und mit der Situation. Nur authentisch reicht nicht, wer alles sagt, was in ihm ist, kann den anderen überfahren. Nur situationsgerecht reicht auch nicht, dann wird es glatt und rhetorisch. Ruth Cohn nannte das selektive Authentizität: Was ich sage, soll echt sein. Ich muss aber nicht alles aussprechen.

Drei Fragen helfen: Was ist in mir? Was braucht der andere gerade? Und wozu sage ich das … um etwas zu klären oder um heimlich etwas zu bekommen?

Über das Gespräch sprechen

Wenn es hakt, hilft ein Schritt zurück: „Wie reden wir gerade miteinander?“ Das löst oft mehr als jedes weitere Argument.

Wenn es schon gekracht hat

Ich neige oft dazu, Konflikte zu meiden, um die scheinbare Harmonie zu bewahren. Doch wahres Vertrauen wächst erst, wenn wir gemeinsam eine Krise durchlebt und geklärt haben. Mein Ziel ist dabei nicht, recht zu haben, sondern eine echte Verbindung.

Die Stopp-Regel. Wenn die Emotionen zu hoch kochen und ich nur noch verletzen oder mich verteidigen will, ist es Zeit für ein Stopp. Damit mein Gegenüber nicht ängstlich in einer Warteschleife hängt, braucht ein Stopp ein Versprechen auf Rückkehr mit einem klaren Zeitrahmen:

„Ich merke, dass ich gerade nicht mehr konstruktiv sein kann.

Ich brauche Zeit für mich, um innerlich zur Ruhe zu kommen.

Lass uns morgen weiterreden.“

Wird der Termin verschoben, hilft ein kurzer Austausch über Gefühle und Bedürfnisse innerhalb von 24 Stunden. Diese Pause ist kein Weglaufen. Sie ist Selbstfürsorge und Achtung vor der Beziehung.

Den Pfad gemeinsam gehen. In einem emotionalen Drama bin ich oft in meinen blinden Flecken gefangen. Dann hilft die wertfreie Präsenz eines anderen Menschen: eines wohlwollenden Begleiters, einer Gruppe oder, wenn beide bereit sind, des Menschen im Konflikt selbst. Der Begleitende bewertet nicht und berät nicht. Er liest vor und wartet, bis ich bereit für den nächsten Schritt bin.

Die Klärung einladen. „Magst du mir eine Rückmeldung geben zu der Irritation, die zwischen uns entstanden ist, damit wir gemeinsam daraus lernen können?“ Wenn die Bereitschaft da ist, vereinbaren wir eine ungestörte Zeit und einen geschützten Raum.

  • „Die Situation … hat bei mir das Gefühl von … ausgelöst, und ich habe in dem Moment … gebraucht.“
  • „Wie war das für dich? Und was kann ich künftig tun, um dir besser gerecht zu werden?“
  • „Mir hätte es geholfen, wenn du …“

Wenn ich Leid verursacht habe, liegt es an mir, mein Bedauern und Mitgefühl auszudrücken, möglichst in dem Moment, in dem es mir bewusst wird. Ohne Rechtfertigung, ehrlich. Und dann frage ich: „Was kann ich jetzt für dich tun? Was brauchst du gerade von mir?“

Wieder heil werden. Was zerbrochen ist, wird nie wieder genauso sein wie zuvor. Doch wie bei Kintsugi kann aus dem Bruch eine Verbindung entstehen, die in ihrer Ehrlichkeit vielleicht sogar schöner ist als vorher. In Gemeinschaften, Freundschaften oder Partnerschaften kann eine gemeinsame Beziehungsvereinbarung helfen, Konflikte verbindlich und achtsam zu klären.

Sich in die Augen sehen. Manchmal braucht es gar keine Worte. Der Psychologe Arthur Aron hat 1997 gezeigt, wie nah sich zwei Fremde mit 36 zunehmend persönlichen Fragen kommen können. Vier Minuten Augenkontakt kamen später dazu. Amnesty International ließ in Berlin Geflüchtete und Europäer einander vier Minuten in die Augen schauen. Es ist magisch, was in dieser kurzen Zeit entsteht.

Mit Kindern üben

Kinder lernen Kommunikation vor allem durch Nachahmung. Wie wir mit ihnen und vor ihnen sprechen, ist die wichtigste Lektion. Spiele helfen, dafür Worte zu finden … kurz, leicht und im Alltag, nie als Unterricht.

ÜbungSo geht’s
Akku-CheckBeim Abendessen oder Zubettgehen: Welcher Akku ist gerade voll, welcher leer? Die Eltern antworten auch.
Vier OhrenEinen Alltagssatz nehmen, etwa „Dein Zimmer ist ganz schön voll“, und raten, was er auf jedem Ohr heißen kann.
Giraffe und WolfDas Kind entscheidet, von wem ein Satz kommt. Dann übersetzt ihr Wolf in Giraffe.
Klärungsweg am BodenSechs Zettel mit Bildern auf den Boden legen und nach einem Streit gemeinsam abgehen.
PapageiEiner erzählt, der andere sagt mit eigenen Worten, was er verstanden hat. Dann tauschen.
Stopp!Aufrecht stehen, Hand nach vorn, Blick in die Augen: „Stopp! Das will ich nicht.“ Im Rollenspiel üben und die Rollen tauschen.
Eine Minute AugenEine Minute schweigend in die Augen schauen, danach erzählen, wie es war.
Wer hat angefangen?Nach einem Streit gemeinsam einen Kreis malen: Was hast du gemacht, was hat der andere dann gemacht … wo ist der Anfang?
FamilienratEinmal pro Woche zusammensitzen. Wer den Redestein hält, spricht. Jeder darf Wünsche einbringen.

Was wir Erwachsenen tun können:

  • Selbst vorleben, auch Fehler. „Vorhin habe ich dich angemeckert. Eigentlich war ich müde und hätte Ruhe gebraucht.“
  • Auch das Nicht-Wissen vorleben. Kinder lernen viel, wenn sie erleben, dass auch Erwachsene manchmal erst suchen müssen, was sie brauchen.
  • Gefühle benennen, ohne sie zu bewerten. „Du bist wütend, weil der Turm umgefallen ist.“
  • Auf Augenhöhe gehen, auch körperlich. In die Hocke gehen, wenn es wichtig ist.
  • Bitten, wo Bitten möglich sind, und ein Nein dann ernst nehmen. Wo es um Sicherheit geht, dürfen Eltern klar entscheiden, und auch das lässt sich erklären.
  • Geben ohne Rechnung. Ein Eis darf einfach ein Eis sein.