Annehmen und Vergeben

Wer hinschaut, findet nicht nur Schönes. Er findet auch Fehler, Umwege und Momente, in denen er anderen sich durch das eigenen Verhalten verletzt gefühlt haben. Annehmen heißt nicht, alles gut zu finden. Es heißt, aufzuhören, gegen das zu kämpfen, was schon ist.

Vergebung

Vergeben heißt nicht, gutzuheißen, was passiert ist. Und es heißt nicht, alles zu vergessen. Vergeben heißt, mich nicht länger an den Schmerz und an den anderen zu binden. Es befreit vor allem mich selbst.

Vergebung lässt sich nicht erzwingen, weder von mir noch vom anderen. Sie braucht ihre Zeit. Und oft beginnt sie bei mir selbst: Ich darf mir vergeben, dass ich ein fehlbarer Mensch bin, der in dem Moment getan hat, was ihm möglich war.

Wenn ich selbst um Vergebung bitte, dann ohne Rechtfertigung und ohne „aber“. Was ich dabei sagen kann, steht im Kapitel „Mit anderen“.

Kintsugi

In Japan gibt es eine alte Kunst. Wenn eine Schale zerbricht, wird sie mit Gold wieder zusammengefügt. Die Bruchstellen werden nicht versteckt, sie werden betont. Die Schale ist danach nicht mehr dieselbe, und oft ist sie schöner als vorher.

So kann es auch mit mir sein, und mit meinen Beziehungen. Meine Brüche gehören zu mir. Sie machen mich nicht weniger wert, sie erzählen meine Geschichte. Die Narben unserer Geschichte erzählen dann von unserer Fähigkeit zu wachsen.

Gib jede Hoffnung auf Belohnung auf

In der buddhistischen Tradition des Lojong gibt es einen Leitsatz, der zuerst merkwürdig klingt: Gib jede Hoffnung auf Belohnung auf. Die amerikanische Nonne Pema Chödrön hat ihn in ihren Büchern ausführlich erklärt.

Gemeint ist: Solange ich an mir arbeite, um irgendwann ein besserer Mensch zu werden, lebe ich in der Zukunft. Hoffnung und Angst sind dann zwei Seiten derselben Medaille. Ich hoffe auf das Ziel und fürchte, es nicht zu erreichen. Und ich verpasse dabei mein Leben, das genau jetzt stattfindet.

Wenn ich die Hoffnung auf Belohnung aufgebe, darf ich mich genau so annehmen, wie ich gerade bin. Nicht als Zwischenstation auf dem Weg zu einem besseren Ich, sondern als den Menschen, der ich heute bin. Erst das macht echte Veränderung möglich.

Der Grund ist einfach: Solange ich dünner, klüger, ruhiger oder erleuchteter werden will, arbeite ich mit derselben Logik, die das Problem geschaffen hat. Sie lautet: Du bist nicht gut genug. Pema Chödrön erzählt, dass genau das Loslassen dieser Hoffnung der wichtigste Grundsatz in Jon Kabat-Zinns Stressklinik in Massachusetts war.

Ein Bild aus dem Buddhismus hilft mir dabei. Wenn ich Angst habe, ist das ängstlicher Buddha. Wenn ich wütend bin, wütender Buddha. Wenn ich gelangweilt bin, gelangweilter Buddha. Alles, was ich fühle und denke, verdient Mitgefühl. Nichts davon muss ich erst loswerden, bevor ich gut genug bin.

Vielleicht ist das die tiefste Form von „Ich bin gut zu mir“.