Dieses Kapitel ist für Kinder geschrieben. Es erzählt den ganzen Weg noch einmal, in einfachen Worten. Erwachsene dürfen es natürlich auch lesen.
Ankommen
Manchmal ist ganz viel los in mir. Dann halte ich kurz an. Ich atme einmal tief ein … und wieder aus.
Ich darf gut zu mir sein. Ich bin wertvoll, auch wenn gerade etwas schwierig ist.
Meine Gefühle sind wie Besucher. Freude, Wut, Angst, Traurigkeit. Sie kommen, und sie gehen wieder. Jedes Gefühl will mir etwas sagen. Ich muss keins davon wegschicken.
Ich darf gut zu mir sein. Ich tue, was ich kann. Und wenn etwas gerade nicht geht, dann geht es eben nicht. Dann ruhe ich mich aus, bis ich wieder Kraft habe.
Ich habe mich lieb
Ich bin wertvoll, so wie ich bin. Nicht erst, wenn ich brav bin oder etwas gut kann. Einfach so.
Mich selbst lieb haben ist nicht egoistisch. Wenn ich mich lieb habe, muss ich mir die Liebe nicht bei anderen holen. Dann kann ich viel leichter teilen und schenken. Meine Akkus sind wichtig. Und deine auch.
Was es mir manchmal schwer macht:
- Wenn ich denke: Ich bin nur gut, wenn ich brav bin oder gute Noten habe.
- Wenn in mir eine meckernde Stimme sagt: Das kannst du nicht.
- Wenn ich mich mit anderen vergleiche und denke, die sind besser als ich.
- Wenn mich jemand verletzt oder ausgelacht hat.
Der Zweifel. Manchmal flüstert eine leise Stimme in mir: Das schaffst du nie. Die anderen sind besser. Das ist der Zweifel. Er ist ein schlauer Trick, weil er so leise ist, dass man ihn kaum bemerkt. Wenn ich ihn höre, kann ich freundlich antworten: Danke, aber ich probiere es trotzdem. Ich bin gut, so wie ich bin.
Was mir hilft:
- Ich rede mit mir so, wie ich mit meinem besten Freund reden würde.
- Ich darf Fehler machen. Ich lerne ja noch. Alle lernen.
- Ich achte auf meine Akkus.
Hinschauen: meine Akkus und Lämpchen
In mir gibt es viele kleine Akkus, so wie beim Handy. Jeder Akku ist für etwas, das ich brauche, damit es mir gut geht. Das nennt man Bedürfnis. Es gibt einen Akku für Essen und Trinken, einen für Schlaf, für Nähe und Kuscheln, für Spielen, für Ruhe, fürs Gesehen-Werden und fürs Selbst-Bestimmen.
Jeder Mensch hat diese Akkus. Deshalb können wir einander verstehen.
Wenn ein Akku leer wird, geht in mir ein Lämpchen an. Dieses Lämpchen ist ein Gefühl. Durst sagt mir: Mein Trink-Akku ist leer. Langeweile sagt: Mein Spiel-Akku ist leer. Traurigkeit oder Wut sagen oft: Mein Nähe-Akku oder mein Gesehen-Werden-Akku ist leer.
Meistens sage ich nicht, welcher Akku leer ist. Ich sage, wie ich ihn aufladen will. Das ist dann ein Wunsch.
| Ich sage … | Mein leerer Akku ist vielleicht … |
|---|---|
| „Ich will noch eine Folge schauen.“ | Spaß, noch nicht aufhören müssen |
| „Spiel mit mir!“ | Nähe, Spielen |
| „Ich mach das allein!“ | Selbst-Bestimmen, mich groß fühlen |
| „Ich will neben Max sitzen.“ | Freundschaft, dazugehören |
| „Ich will nicht ins Bett.“ | noch Zeit zusammen, selbst bestimmen |
Den Akku finde ich mit der Frage: Wofür ist das gut?
Wenn ich heimlich aufladen will. Ich gebe meinem Freund mein Pausenbrot, damit er mich mag. Dann ist das kein richtiges Geschenk. Da hängt eine kleine Rechnung dran. Wenn ich merke, dass mein Freundschafts-Akku leer ist, kann ich einfach fragen: „Spielst du mit mir?“
Wenn viele Stimmen in mir reden. Manchmal sagt eine Stimme in mir: Sag ihm die Meinung! Eine andere sagt: Bleib lieber still. Und eine dritte ist eigentlich nur traurig. Dann höre ich jeder Stimme zu und frage: Was brauchst du?
Wenn ich nicht weiß, was ich brauche. Wenn ich wütend oder erschrocken bin, rolle ich mich innen ein wie ein Igel. Dann hilft:
- Einmal tief atmen.
- Merken, wo ich es im Körper spüre.
- Dem Gefühl einen Namen geben.
- Unter den Deckel schauen: Wut ist oft wie ein Deckel auf einem Topf. Darunter ist meistens Angst oder Traurigkeit.
- Mein Kopfkino bemerken: Welche Geschichte denke ich mir gerade über den anderen aus? Sie muss nicht stimmen.
- Mich fragen: Wovor habe ich eigentlich Angst?
- Mir Zeit lassen. Manchmal weiß ich es erst später.
Der Spiegel meiner Freunde. Manche Dinge an mir sehe ich selbst nicht. Gute Freunde können mir sagen, wie ich auf sie wirke. Das ist manchmal unangenehm. Aber es hilft mir, mich besser kennen zu lernen.
Ehrlich zu mir sein. Manchmal erzähle ich mir selbst kleine Lügen, damit ich etwas nicht merken muss. Ehrlich hinschauen braucht Mut. Und es lohnt sich.
Fehler machen gehört dazu
Als ich Fahrradfahren gelernt habe, bin ich bestimmt oft hingefallen. Das war kein Fehler. Das war Lernen.
So ist es mit allen Fehlern. Sie zeigen mir, wo ich noch etwas lernen kann. Sie sind wie Wegweiser. Ich bin deswegen kein schlechter Mensch.
Wenn mir etwas misslingt, kann ich mich fragen: Was habe ich daraus gelernt? Und dann probiere ich es noch einmal, vielleicht ein bisschen anders.
Und wenn ich jemandem weh getan habe, frage ich mich:
- Was habe ich getan?
- Wem habe ich weh getan?
- Was kann ich lernen … und wie kann ich es wieder gut machen?
Annehmen und verzeihen
Verzeihen heißt nicht, dass ich gut finde, was passiert ist. Verzeihen heißt, dass ich den Ärger nicht mehr mit mir herumtragen muss. Das tut vor allem mir selbst gut. Und manchmal dauert es eine Weile.
Ich darf auch mir selbst verzeihen. Ich muss nicht perfekt sein.
In Japan gibt es eine schöne Kunst. Sie heißt Kintsugi. Wenn eine Schale zerbricht, wird sie mit Gold wieder zusammengeklebt. Danach sieht man die goldenen Linien. Und die Schale ist schöner als vorher. So kann es auch mit mir sein, und mit meinen Freundschaften.
Mit anderen reden
Ich rede immer. Sogar wenn ich nichts sage. Wenn ich die Tür zuknalle oder wegschaue, erzähle ich auch etwas.
Vier Ohren. Wenn ich etwas sage, schicke ich vier Botschaften auf einmal los. Und wer zuhört, hat vier Ohren. Mama sagt: „Dein Zimmer ist ganz schön voll.“
| Ohr | Was ich höre |
|---|---|
| Sach-Ohr | Im Zimmer liegt viel herum. |
| Ich-Ohr | Mama ist müde oder genervt. |
| Beziehungs-Ohr | Ich bin unordentlich. |
| Auftrags-Ohr | Räum auf! |
Wenn ich gerade traurig bin, höre ich vielleicht nur mit dem Beziehungs-Ohr. Dann kommt etwas ganz anderes bei mir an, als Mama gemeint hat.
Streit dreht sich im Kreis. Ich meckere, weil mein Bruder mich ärgert. Er ärgert mich, weil ich meckere. Die Frage „Wer hat angefangen?“ hilft deshalb fast nie.
Mein Körper redet mit. Wenn ich „Mir geht’s gut“ sage und dabei traurig schaue, glauben die anderen meinem Gesicht.
Giraffe und Wolf. Der Wolf urteilt, schimpft und beißt: „Du bist so gemein!“ Die Giraffe hat das größte Herz aller Landtiere. Sie sagt, wie es ihr geht und was sie braucht. Die Giraffe ist nicht leise oder schwach. Sie kann sehr klar sein. Sie beißt nur nicht.
Mein Klärungsweg. Wenn etwas schief gelaufen ist, kann ich sechs Zettel auf den Boden legen und mich auf den stellen, wo ich gerade bin. Mein Beispiel: Max hat mir in der Pause den Ball weggenommen.
- Was ist passiert? Wie eine Kamera, ohne „gemein“ oder „blöd“. „Max hat mir den Ball weggenommen, als ich gespielt habe.“
- Was spüre ich? „Mein Gesicht ist heiß. Ich bin wütend.“
- Welcher Akku ist leer? „Mir ist wichtig, dass es fair zugeht. Und ich will mitspielen.“
- Mein Kopfkino. „Ich glaube, Max mag mich nicht.“
- Wovor habe ich Angst? „Dass ich keine Freunde habe.“
- Meine Bitte an mich und an dich. „Ich atme tief durch und hole mir Hilfe, wenn ich sie brauche. Max, gibst du mir den Ball zurück? Wir können auch zusammen spielen.“
Was ich davon laut sage, entscheide ich. Station 4 und 5 sind oft nur für mich.
Der Papagei. Bevor ich antworte, sage ich mit meinen eigenen Worten, was ich verstanden habe: „Du meinst also …?“
Stopp sagen. Wenn mich jemand ärgert oder mir weh tut, stehe ich aufrecht, strecke die Hand nach vorn, schaue in die Augen und sage laut und fest: „Stopp! Das will ich nicht.“ Wenn das nicht reicht, gehe ich weg und hole mir Hilfe. Das ist kein Petzen. Hilfe holen ist auch stark.
Pause mit Versprechen. Wenn ich so wütend bin, dass ich nur noch schimpfen will, sage ich: „Ich bin gerade zu wütend. Ich brauche eine Pause. Nach dem Essen reden wir weiter.“ Und dann komme ich auch wirklich wieder.
Wenn ich jemandem weh getan habe, sage ich, dass es mir leid tut. Ohne „aber“. Und dann frage ich: „Was kann ich jetzt für dich tun?“
Mein Leben gestalten
Was will ich wirklich? Diese Fragen helfen mir:
- Wie fühle ich mich gerade?
- Was macht mir Spaß, und was kostet mich Kraft?
- Wovor habe ich Angst?
- Wer ist mein Vorbild, und warum?
- Wann bin ich richtig glücklich?
- Was gibt mir neue Kraft?
Entscheiden. Wenn mich etwas stört, habe ich drei Möglichkeiten: Ich lerne es zu mögen. Ich verändere es. Oder ich gehe weg. Bei großen Entscheidungen frage ich meinen Bauch und meinen Kopf. Der Bauch weiß, was ich schon erlebt habe. Der Kopf kann sich auch Neues ausdenken.
Ein Problem lösen.
- Was ist das Problem?
- Was möchte ich stattdessen?
- Ich sammle viele Ideen, auch verrückte.
- Ich suche die beste aus, die sich auch gut anfühlt.
- Ich probiere sie aus.
- Hat es geklappt? Wenn nicht, probiere ich etwas anderes oder frage jemanden um Hilfe.
- Und dann feiere ich!
Was wirklich zählt
Zeit ist etwas ganz Besonderes. Wenn sie vorbei ist, kommt sie nicht wieder.
Jedes Spielzeug, das ich habe, braucht Zeit: zum Aussuchen, zum Aufräumen, zum Weggeben. Manchmal ist weniger Zeug mehr Zeit. Mehr Zeit zum Spielen, zum Lachen und für die Menschen, die ich lieb habe.
Eine Frau, die viele alte Menschen am Ende ihres Lebens begleitet hat, hat erzählt, was die am meisten bereut haben. Zum Beispiel, dass sie nicht ihr eigenes Leben gelebt haben. Dass sie ihre Gefühle nicht gezeigt haben. Dass sie ihre Freunde aus den Augen verloren haben. Und dass sie sich nicht erlaubt haben, glücklicher zu sein.
Das möchte ich mir merken.
Lieb haben
Liebe passiert, wenn ich mich zeige, so wie ich wirklich bin. Und wenn der andere das auch tut.
Ich kann meine Familie und meine Freunde lieb haben und trotzdem mal mit ihnen streiten. Ein gut geklärter Streit kann eine Freundschaft sogar stärker machen.
Lieb haben heißt nicht, dass der andere mich glücklich machen muss. Ich kümmere mich gut um mich. Und dann können wir uns gegenseitig etwas schenken.
Mein Versprechen an mich
- Ich bin freundlich zu mir, so wie zu meinem besten Freund.
- Ich achte auf meine Akkus und auf die der anderen.
- Ich sage ehrlich, wie es mir geht.
- Ich höre anderen gut zu.
- Ich darf Fehler machen und daraus lernen.
- Ich sage Stopp, wenn mir etwas nicht gut tut.
- Ich halte, was ich verspreche.
- Ich teile gern und freue mich, wenn ich etwas bekomme.
- Ich lache viel, auch wenn es mal schwer ist.
Und wenn es mal nicht klappt, dann fange ich wieder von vorne an:
Ich darf gut zu mir sein.
Spiele, die ich spielen kann
| Spiel | So geht’s |
|---|---|
| Akku-Check | Beim Abendessen fragen wir uns: Welcher Akku ist bei dir gerade voll, welcher leer? Alle antworten, auch die Großen. |
| Wetter in mir | Wie ist das Wetter in mir? Sonne, Wolken oder Gewitter? Und was würde mir jetzt gut tun? |
| Vier Ohren | Wir nehmen einen Satz und raten, was er auf jedem Ohr heißen kann. |
| Giraffe oder Wolf? | Einer sagt einen Satz. Die anderen raten, ob er von der Giraffe oder vom Wolf kam. Dann machen wir einen Giraffensatz daraus. |
| Klärungsweg | Ich male sechs Zettel für meine Stationen und lege sie auf den Boden. |
| Papagei | Einer erzählt, der andere sagt es mit eigenen Worten nach. Dann tauschen wir. |
| Stopp! | Wir üben ein starkes Stopp mit Hand und Stimme. Dann tauschen wir die Rollen. |
| Eine Minute Augen | Wir schauen uns eine Minute still in die Augen. Kichern ist erlaubt. |
| Ohne Worte | Ich zeige ein Gefühl nur mit Gesicht und Körper. Die anderen raten. |
| Bekommen und Schenken | „Ich freue mich, wenn du …“ und „Ich freue mich, wenn ich dir …“. Abwechselnd sagen, der andere sagt „Danke“. |
| Familienrat | Einmal in der Woche sitzen wir zusammen. Wer den Redestein hält, spricht. Jeder darf Wünsche sagen. |
Meine Akku-Liste
Ich lese die Liste langsam. Oft sagt mein Bauch beim richtigen Wort leise Ja.
| Akku | Was dazu gehört |
|---|---|
| Körper | Essen, Trinken, Luft, Schlaf, Bewegung, Wärme, Ruhe, Berührung |
| Sicherheit | Schutz, mich verlassen können, Ehrlichkeit, Vertrauen |
| Nähe | Kuscheln, Liebe, Freundschaft, dazugehören, Hilfe bekommen |
| Gesehen werden | Aufmerksamkeit, verstanden werden, Trost, Mut machen, Respekt |
| Fair sein | Gerechtigkeit, Rücksicht, gleich viel wert sein, Frieden |
| Spaß | Spielen, Lachen, Abenteuer, Neues erleben, etwas erfinden |
| Selbst bestimmen | Freiheit, wählen dürfen, allein sein dürfen, Platz für mich |
| Ich sein | echt sein dürfen, etwas können, stolz sein, mich lieb haben |
| Verstehen | Lernen, Entdecken, wissen, wie es weitergeht |
| Etwas beitragen | helfen, etwas Sinnvolles tun, gebraucht werden |
Meine Lämpchen
| Wenn meine Akkus voll sind | Wenn ein Akku leer ist |
|---|---|
| froh, glücklich, fröhlich | traurig, enttäuscht |
| ruhig, entspannt, zufrieden | ängstlich, besorgt, nervös |
| lieb, warm, verbunden | einsam, verletzt |
| neugierig, voller Energie | müde, lustlos, gelangweilt |
| sicher, geborgen | verwirrt, unsicher |
| stolz, mutig, stark | wütend, genervt, ungeduldig |