Hinschauen

Hinschauen braucht Mut. Und es braucht Neugier statt Urteil. Ich schaue nicht hin, um mich zu bewerten, sondern um mich kennen zu lernen.

Was ist eigentlich ein Bedürfnis?

Ein Bedürfnis ist etwas, das jeder Mensch braucht, damit es ihm gut geht. Nicht nur der Körper, auch das Herz.I ch stelle es mir vor wie viele kleine Akkus in mir. Einen für Essen und Trinken, einen für Schlaf. Aber auch einen für Nähe, für Spiel, für Ruhe, fürs Gesehen-Werden und fürs Selbst-Bestimmen. Wenn ein Akku leer wird, geht ein Lämpchen an. Dieses Lämpchen ist ein Gefühl.

Gefühle sind also die Rückmeldung meines Systems darüber, wie weit meine Bedürfnisse gerade erfüllt sind. Angenehme Gefühle zeigen, dass Bedürfnisse erfüllt sind. Unangenehme Gefühle zeigen, dass ein Bedürfnis noch offen ist. Bedürfnisse sind nie schlecht, sie sind. Und ich habe das Bedürfnis zu bekommen und das Bedürfnis zu geben.

Was ich will und was ich wirklich brauche

Meistens spreche ich nicht das Bedürfnis aus, sondern den Weg, wie ich es erfüllen will. Dieser Weg heißt Strategie. Es ist der Unterschied zwischen scheinbaren und wahren Bedürfnissen.

Ich will … (Strategie)Ich brauche vielleicht … (Bedürfnis)
„Ich will, dass du aufräumst.“Entlastung, Unterstützung, Ordnung
„Ruf mich an, wenn du ankommst.“Sicherheit, Verbundenheit
„Ich brauche ein neues Auto.“Sicherheit, Freiheit, vielleicht Anerkennung
„Ich will endlich befördert werden.“Wertschätzung, Wirksamkeit, Sicherheit

Drei Dinge helfen mir, ein Bedürfnis zu erkennen:

• Jeder Mensch hat es. Deshalb können wir einander überhaupt verstehen.

• Es hängt an keiner bestimmten Person und keiner bestimmten Sache. Für jedes Bedürfnis gibt es viele Wege.

• Die Frage „Wofür ist das gut?“ führt von der Strategie zum Bedürfnis.

Eine ausführliche Liste von Gefühlen und Bedürfnissen gibt es hier.

Großzügigkeit und Bedürftigkeit

Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen von Natur aus großzügige Wesen sind. Kaum etwas erfüllt uns tiefer, als anderen eine Freude zu bereiten. Doch das gelingt nur aus der eigenen inneren Fülle.

Zugleich sind wir alle bedürftige Wesen. Dieses Eingeständnis macht uns nicht schwach, sondern menschlich. Schwierig wird es nur, wenn die Bedürftigkeit unerkannt bleibt und sich heimlich über den anderen erfüllen will.

Ich kaufe meinem Kind ein Eis. Scheinbar schenke ich. Vielleicht brauche ich aber gerade, dass es mich liebt. Dann trägt das Geschenk eine Rechnung in sich, und Kinder spüren so etwas sehr genau.

Deshalb darf ich aktiv für meine Erfüllung sorgen: indem ich mir selbst gebe, was ich kann, und andere bewusst und ehrlich bitte, wenn ich es mir gerade nicht selbst geben kann. So entsteht ein achtsames Geben und Nehmen, ein Leben, das selbstbestimmt und verbunden zugleich ist.

Wenn ich nicht weiß, was ich brauche

Das ist der wichtigste Schritt und zugleich der schwierigste. Gerade wenn es emotional wird, schaltet der Körper auf Schutz. Dann hilft eine Suche in kleinen Schritten:

Erst ankommen. Ein Atemzug, der Blick in den Körper: Wo spüre ich das gerade, im Bauch, in der Brust, im Hals?

Das Gefühl benennen. Schon ein Wort wie „wütend“, „verletzt“ oder „überfordert“ beruhigt. Es muss nicht perfekt sein.

Unter den Ärger schauen. Ärger ist oft nur der Deckel. Darunter liegt meist Angst, Traurigkeit oder Hilflosigkeit … und dort ist das Bedürfnis viel leichter zu finden.

Das Urteil umdrehen. Der Vorwurf im Kopf enthält das Bedürfnis, nur spiegelverkehrt. „Er hört mir nie zu“ heißt: Ich möchte gehört werden.

Das Kopfkino bemerken. Welche Geschichte erzähle ich mir gerade über den anderen? Sie darf da sein. Ich erkenne sie nur als meine eigene, die nicht die Wahrheit sein muss.

Der Angst ins Gesicht schauen. Was befürchte ich im schlimmsten Fall? Die Angst zeigt mir oft mein tiefstes Bedürfnis.

Es noch nicht wissen dürfen. Manchmal kommt die Klarheit erst später. Dann ist ein ehrlicher Satz: „Mich hat das gerade sehr getroffen. Ich weiß noch nicht genau warum und brauche einen Moment.“

Viele Stimmen in mir

Friedemann Schulz von Thun nennt es das innere Team. Oft sprechen in mir mehrere Stimmen gleichzeitig, manchmal sogar gegensätzlich. Eine will Nähe, eine andere Ruhe. Eine will kämpfen, eine andere will Frieden.

Es hilft, jede Stimme einzeln anzuhören und zu fragen: Was brauchst du? Hinter jeder steht ein berechtigtes Bedürfnis. Keine muss gewinnen. Wenn alle gehört sind, kann ich in Ruhe entscheiden.

Was sich im Kontakt mit anderen zeigt

Vieles in mir bleibt unbewusst, solange es nicht von außen berührt wird. Erst durch konkrete Situationen, Begegnungen oder Konflikte kommen alte Themen an die Oberfläche. Dabei gilt:

  • Ich habe alte Schutzmechanismen. Sie waren damals (über)lebenswichtig und haben mir die Welt so zurechtgelegt, dass ich sie aushalten konnte. Heute können sie mir unbewusst im Weg stehen.
  • Ich habe blinde Flecken. Auf sie können mich nur Menschen im Außen hinweisen.
  • Ich werde nie ganz wissen, wie ich auf andere wirke. Selbst ehrliches Feedback ist durch die Filter des anderen gegangen.

Trigger als Chance

Damit alte Wunden heilen können, müssen sie berührt werden. Bleiben sie unberührt, wirken die alten Schutzmechanismen einfach weiter. Erst im Kontakt mit einer konkreten Situation entsteht die Möglichkeit, innezuhalten, neu zu sortieren und die Dinge aus einer erwachsenen Perspektive zu betrachten.

Es ist ein wenig wie beim Hinfallen: Ich lerne nicht nur, wieder aufzustehen, sondern auch, gut hinzufallen. Mit der Zeit entsteht Erfahrung im Umgang mit schwierigen Momenten. Weniger Überforderung, mehr Bewusstheit, mehr innere Beweglichkeit.

Wenn mich etwas heftig trifft, können diese Fragen helfen:

  • Was genau hat mich gerade so getroffen?
  • Kenne ich dieses Gefühl von früher?
  • Wie alt fühle ich mich gerade?
  • Was hätte ich damals gebraucht … und kann ich es mir heute selbst geben?

Der Spiegel guter Freunde

Deshalb lässt sich nicht alles allein durch Selbstreflexion klären. Gute Freunde sind hier besonders wertvoll. Wenn sie mir, idealerweise liebevoll, ihre Wahrheit und ihre Wahrnehmung mitteilen, auch wenn es unangenehm oder schmerzhaft ist, kann ich meine blinden Flecken erkennen und erfahren, wie ich auf andere wirke.

Wahrheit und Selbstlüge

Wir Menschen lügen immer wieder mal gegenüber anderen Menschen,
aber noch viel mehr uns selbst gegenüber.

Selbstlügen schützen uns. Sie ersparen uns einen Schmerz oder eine Veränderung, die wir gerade nicht wollen. Deshalb lohnt die ehrliche Frage: Wo erzähle ich mir etwas, damit ich nichts ändern muss?

Hier ein humorvolles Video über die Folgen unserer kleinen Alltagslügen: